Ein Patient erhält eine Vitalinfusion in der Drip Lounge von VIVIDA Lab in München.

NAD+: Hype oder wissen­schaftlich sinnvoll?

(Dr. Madalina Werneke)

In den letzten Jahren ist NAD+ (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid) zu einem der meist­dis­ku­tierten Moleküle in der Longevity- und Biohacking-Szene geworden. Von Energie-Boost bis Anti-Aging-Wunder­stoff – die Versprechen sind groß. Doch was steckt wirklich dahinter? Handelt es sich um einen kurzfris­tigen Hype oder gibt es eine wissen­schaft­liche Grundlage?

NAD+ ist ein lebens­wich­tiges Molekül, das in jeder Zelle unseres Körpers vorkommt. Es spielt eine zentrale Rolle im Energie­stoff­wechsel und ist maßgeblich daran beteiligt, dass unsere Zellen aus Nährstoffen Energie gewinnen können. Es fungiert als Elektro­nen­über­träger bei der Zellatmung, wandelt Nährstoffe in ATP (Zellenergie) um und aktiviert Sirtuine, die den Alterungs­prozess regulieren.

Somit ist NAD+ an einer Reihe lebens­wich­tiger biolo­gi­scher Prozesse beteiligt. Dazu gehören die zelluläre Energie­pro­duktion in den Mitochon­drien, wichtige DNA-Repara­turme­cha­nismen, die Regulation von Entzün­dungs­pro­zessen und eben die Aktivierung sogenannter Sirtuine, also der Enzyme, die mit Alterungs­pro­zessen in Verbindung gebracht werden. Ohne NAD+ könnten unsere Zellen weder effizient Energie produ­zieren noch Schäden reparieren.

Mit zuneh­mendem Alter nimmt der NAD+-Spiegel im Körper leider deutlich ab. Studien zeigen, dass er in den 50er Lebens­jahren um bis zu 50 % sinken kann. Für diesen Rückgang gibt es mehrere Gründe:

  • verrin­gerte körper­eigene Produktion
  • gestei­gerter Verbrauch durch Zellstress
  • chronische Entzün­dungs­pro­zesse
  • UV-Strahlung und Umwelt­be­las­tungen
  • metabo­lische Erkran­kungen

Dieser Rückgang wird mit typischen Alterungs­pro­zessen in Verbindung gebracht – etwa sinkender Energie, verlang­samter Zellre­ge­ne­ration oder erhöhter Anfäl­ligkeit für Krank­heiten.

In der Alters­for­schung gilt NAD+ als zentrale Schnitt­stelle zwischen Stoff­wechsel, Zellschutz und Regene­ration. Besonders intensiv unter­sucht wird seine Rolle bei der Aktivierung der sogenannten Sirtuine, die an Prozessen wie DNA-Reparatur, Stress­re­sistenz und metabo­li­scher Regulation beteiligt sind. Tierstudien zeigen, dass eine Erhöhung der NAD+-Verfügbarkeit verschiedene positive Effekte haben kann, etwa eine verbes­serte mitochon­driale Funktion, eine gestei­gerte Zellre­pa­ratur, reduzierte Entzün­dungs­pro­zesse und eine bessere metabo­lische Regulation.

Diese Ergeb­nisse haben wesentlich dazu beigetragen, dass NAD+ in den letzten Jahren so stark in den Fokus der Longevity-Medizin gerückt ist. Trotz vielver­spre­chender Forschung ist jedoch wichtig zu verstehen: NAD+ ist kein „Wunder­mittel gegen das Altern“. Alterungs­pro­zesse sind komplex und werden von vielen Faktoren beein­flusst. Ebenso ist es aber auch Tatsache, dass der NAD+-Stoffwechsel eine wichtige Rolle für gesunde Zellfunk­tionen spielt.

Mit gezielten Maßnahmen kann man auch selbst den NAD+-Spiegel im Körper unter­stützen, z.B. durch regel­mä­ßigen Sport (idealer­weise HIIT), ausrei­chenden und regel­mä­ßigen Schlaf, einer ausge­wo­genen Ernährung und einer gezielten Kalorien­re­striktion bzw. metabo­li­scher Flexi­bi­lität.

NAD+-Infusionen haben eine 100%-ige syste­mische Verfüg­barkeit, da sie direkt ins Blut gelangen und führen somit zu einem schnellen Anstieg der NAD-Spiegel im Plasma. Zudem berichten Patien­tinnen und Patienten regel­mäßig von einem sofort spürbaren Energie-Effekt. Es gibt jedoch auch kosten­güns­tigere Alter­na­tiven, z.B. NMN (Nicotinamid-Mononu­kleotid). Hierbei handelt es sich um eine direkte Vorstufe von NAD+, die relativ schnell absor­biert und zu NAD+ umgewandelt wird. Die Einnahme erfolgt in der Regel oral.

NAD+ ist ein Lifestyle-Trend mit wissen­schaft­licher Substanz. Das Molekül gehört zu den am besten unter­suchten Faktoren im Bereich der zellu­lären Alterungs­for­schung. Gleich­zeitig sollte man die Erwar­tungen realis­tisch einordnen: Eine nachhaltige Unter­stützung gesunder Alterungs­pro­zesse entsteht nicht durch eine einzelne Substanz, sondern durch das Zusam­men­spiel von Lebensstil, Prävention und moderner Medizin. Longevity bedeutet daher nicht, eine einzelne „Anti-Aging-Lösung“ zu finden – sondern die biolo­gi­schen Prozesse des Alterns besser zu verstehen und gezielt zu unter­stützen.