Dr. Madalina Werneke in ihrer Praxis VIVIDA Lab.

Warum wir altern – und was man heute dagegen tun kann

(Dr. Madalina Werneke)

Altern gehört zum Leben. Und doch geht es hier nicht um bloßes Schicksal. Die moderne Medizin versteht heute deutlich besser, warum unser Körper altert – und welche Möglich­keiten es gibt, diesen Prozess zu verlang­samen. Die sogenannte „Longevity-Medizin“ beschäftigt sich genau mit dieser Frage: Wie können wir länger gesund, leistungs­fähig und vital bleiben – innerlich und äußerlich? Es geht also nicht nur um ein längeres Leben, sondern vor allem um mehr gesunde Lebens­jahre (auch Healthspan genannt).

Warum altern wir?

Aus wissen­schaft­licher Sicht ist Altern ein komplexer biolo­gi­scher Prozess. Die Forschung beschreibt mehrere mitein­ander verknüpfte Mecha­nismen (vgl. Hallmarks of Aging, die erstmals 2013 in Cell publi­ziert wurden und 2023 aktua­li­siert wurden). Verein­fa­chend lassen sich jedoch vier Haupt­treiber des Alterns heraus­ar­beiten: Zellschäden und DNA-Verän­de­rungen, mitochon­driale Dysfunktion, chronische Entzün­dungen und senes­zente Zellen. Diese Prozesse gelten als zentrale Treiber der biolo­gi­schen Alterung.

1. Zellschäden und DNA-Verän­de­rungen

Unsere Zellen sind täglich Umwelt­fak­toren wie UV-Strahlung, Stress oder Umwelt­giften ausge­setzt. Dadurch entstehen zwangs­läufig Schäden an der DNA. Der Körper besitzt zwar Repara­turme­cha­nismen, doch mit zuneh­mendem Alter werden diese weniger effizient. Häufige Symptome sind dabei eine reduzierte Zellfunktion, erhöhte Entzün­dungs­ak­ti­vität und erhöhte Krank­heits­an­fäl­ligkeit.

2. Mitochon­driale Dysfunktion

Mitochon­drien sind die Energie­kraft­werke unserer Zellen. Sie produ­zieren über 95% der Energie (Adeno­sin­tri­phosphat, kurz ATP) für unseren Körper. Sie sind entscheidend für Stoff­wechsel, Zellwachstum sowie den program­mierten Zelltod. Mit zuneh­mendem Alter nimmt ihre Leistungs­fä­higkeit ab. Das kann sich äußern in weniger Energie, schnel­lerer Ermüdung, reduzierter Regene­ra­ti­ons­fä­higkeit und beschleu­nigter Zellal­terung. Ein wichtiger Faktor hierbei ist der Rückgang des Moleküls NAD+ (Nikotinamid-Adenin-Dinukleotid) das für die Energie­pro­duktion und Zellre­pa­ratur entscheidend ist. Dabei handelt es sich um ein essen­zi­elles Coenzym, dessen Spiegel mit dem Alter ab 30 Jahren drastisch sinkt.

3. Chronische Entzün­dungen

Viele Menschen entwi­ckeln im Laufe des Lebens niedrig­gradige chronische Entzün­dungen (auch silent inflamm­ation oder inflamm­aging genannt). Dies sind unter­schwellige, oft jahrelang unbemerkte Entzün­dungs­pro­zesse im Körper. Im Gegensatz zu akuten Entzün­dungen fehlen typische Symptome wie Rötungen oder Fieber, jedoch schädigen sie langfristig das Gewebe und fördern alters­be­dingte Krank­heiten, wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkran­kungen, Diabetes, neuro­de­ge­nerative Erkran­kungen (Alzheimer, Parkinson, Demenz, etc.) und beschleu­nigte Hautal­terung.

4. Senes­zente Zellen (auch Zombie-Zellen genannt)

Im Alter sammeln sich zunehmend senes­zente Zellen (von latei­nisch senescere = „alt werden, altern“) im Körper an. Diese Zellen teilen sich nicht mehr, sterben aber auch nicht ab. Statt­dessen geben sie entzün­dungs­för­dernde Signale ab, die umlie­gendes Gewebe beein­flussen und Alterungs­pro­zesse verstärken.

Wie lässt sich der Alterungs­prozess verlang­samen?

Die gute Nachricht: Viele dieser Prozesse lassen sich heute positiv beein­flussen. Longevity-Medizin verfolgt das Ziel, biolo­gische Alterungs­pro­zesse frühzeitig zu erkennen und gezielt zu beein­flussen. Durch eine Kombi­nation aus moderner Diagnostik, perso­na­li­sierten Präven­ti­ons­stra­tegien und regene­ra­tiven Therapien können individuelle Maßnahmen entwi­ckelt werden, die langfristig Gesundheit und Vitalität unter­stützen. Die Longevity-Medizin verfolgt dabei einen ganzheit­lichen Ansatz, der medizi­nische Historie (auch der Familie), breit gefächerte medizi­nische Unter­suchungen und Labor­ana­lysen einschließlich Epige­netik sowie Unter­suchungen der Vitalität und Fitness, Ernährung und des Lebens­stils umfasst.

Lebensstil als Basis

Ein gesunder Lebensstil bleibt der wichtigste Faktor für gesundes Altern. Dazu gehören insbe­sondere:

  • Regel­mä­ßiger Sport (Kraft, Ausdauer und Beweg­lichkeit).
  • Ausrei­chend Schlaf (mind. acht Stunden, wobei neueste Studien zeigen, dass manche Menschen auch mehr Schlaf benötigen).
  • Eine entzün­dungsarme Ernährung (z.B. mediterrane Kost). Auch gezielte Fasten­the­rapien können helfen (insbes. gegen senes­zente Zellen).
  • Stress­re­duktion (dauer­hafte psychische Belas­tungen wirken sich negativ auf die Zellebene aus).
  • Verzicht auf Rauchen und Alkohol (auch das angeblich Herzin­farkt minimie­rende Glas Rotwein am Tag gilt inzwi­schen als überholt).

Diese Faktoren beein­flussen direkt Stoff­wechsel, Entzün­dungs­pro­zesse und Zellge­sundheit.

Medizi­nische Longevity-Ansätze

Die moderne Präven­ti­ons­me­dizin kann zusätzlich gezielt biolo­gische Prozesse unter­stützen. Dazu gehören beispiels­weise: Analyse wichtiger Blutwerte und Stoff­wech­sel­marker, individuelle Präven­ti­ons­pro­gramme, Unter­stützung der Zellenergie durch NAD+-Therapien, perso­na­li­sierte Supple­men­tierung. Das Ziel ist es, frühzeitig biolo­gische Verän­de­rungen zu erkennen, bevor daraus Erkran­kungen entstehen.

Analyse wichtiger Blutwerte und Stoff­wech­sel­marker

Longevity-Medizin beginnt häufig mit einer detail­lierten Analyse von Blutwerten und Stoff­wech­sel­markern. Diese geben Hinweise darauf, wie gut zentrale Prozesse im Körper funktio­nieren – etwa Entzün­dungs­re­gu­lation, Stoff­wechsel oder Zellge­sundheit. Viele dieser Verän­de­rungen entstehen lange bevor Symptome oder Erkran­kungen auftreten. Beispiel: Ein Patient zeigt erhöhte Werte für hoch-sensi­tives CRP (hs-CRP), einen Marker für chronische Entzün­dungen. Auch wenn noch keine Krankheit vorliegt, kann dies ein Hinweis auf sogenannte Inflamm­aging-Prozesse sein. Durch eine gezielte Analyse können also Risiken früh erkannt und präventive Maßnahmen einge­leitet werden.

Individuelle Präven­ti­ons­pro­gramme

Nicht jeder Mensch altert gleich schnell. Genetik, Lebensstil, Stress­be­lastung und Stoff­wechsel unter­scheiden sich stark. Deshalb verfolgt Longevity-Medizin einen perso­na­li­sierten Präven­ti­ons­ansatz. Auf Basis medizi­ni­scher Analysen werden Programme entwi­ckelt, die auf die individuelle Situation eines Patienten zugeschnitten sind. Beispiel: Bei einer Patientin zeigt die Analyse eine erhöhte Insulin­re­sistenz. Ein indivi­du­elles Präven­ti­ons­pro­gramm kann dann gezielte Maßnahmen beinhalten wie Kraft­training, eine Anpassung der Kohlen­hy­drat­zufuhr und regel­mäßige Stoff­wech­sel­kon­trollen, um das Risiko für Diabetes langfristig zu reduzieren.

Unter­stützung der Zellenergie durch NAD+-Therapien

Ein wichtiger Faktor für die Zellge­sundheit ist das Molekül Nicotin­amide adenine dinucleotide (NAD+). NAD+ spielt eine zentrale Rolle bei der Energie­pro­duktion in den Mitochon­drien sowie bei DNA-Repara­tur­pro­zessen. Mit zuneh­mendem Alter sinkt der NAD+-Spiegel im Körper deutlich. Viele Longevity-Ansätze versuchen daher, diesen Spiegel wieder zu unter­stützen. Beispiel: Viele Patienten mit starker Erschöpfung oder chroni­scher Müdigkeit berichten nach einer medizi­nisch beglei­teten NAD+-Infusionstherapie häufig über eine Verbes­serung von Energie­level, Konzen­tration und Regene­ra­ti­ons­fä­higkeit. Ziel der Behandlung ist es, die zelluläre Energie­pro­duktion zu unter­stützen.

Perso­na­li­sierte Supple­men­tierung

Nahrungs­er­gän­zungs­mittel werden im Longevity-Bereich häufig einge­setzt – aller­dings sollte ihre Anwendung indivi­dua­li­siert und evidenz­ba­siert erfolgen. Anderen­falls besteht ein großes Risiko der Überdo­sierung mit negativen Folgen für die Gesundheit. Statt standar­di­sierte „Anti-Aging-Supple­ments“ einzu­nehmen, wird die Supple­men­tierung an den indivi­du­ellen Bedarf angepasst. Dabei werden verschiedene Faktoren berück­sichtigt, wie beispiels­weise Blutwerte, Ernäh­rungs­ge­wohn­heiten, Lebensstil oder genetische Prädis­po­si­tionen.

Fazit

Altern ist ein komplexer biolo­gi­scher Prozess, der durch zahlreiche Faktoren beein­flusst wird. Die moderne Longevity-Medizin bietet heute jedoch viele Möglich­keiten, Alterungs­pro­zesse positiv zu beein­flussen und gesunde Lebens­jahre zu verlängern. Dabei spielen sowohl Lebensstil als auch medizi­nische Prävention und regene­rative Behand­lungen eine wichtige Rolle. Das Ziel ist nicht, das Altern aufzu­halten – sondern lange gesund, vital und leistungs­fähig zu bleiben.