Gesicht eines zufriedenen, älteren Mannes

Warum Longevity immer wichtiger wird

(Dr. Madalina Werneke)

Es ist kein Geheimnis, dass die weltweite Lebens­er­wartung in den vergan­genen Jahrzehnten deutlich gestiegen ist. Doch eine aktuelle Analyse im Fachjournal The Lancet Public Health zeigt auch die andere Seite dieser Entwicklung: Die zusätz­lichen Lebens­jahre sind nicht zwangs­läufig gesunde Jahre. Viele Menschen verbringen heute einen wachsenden Teil ihres Lebens mit chroni­schen Erkran­kungen, Schmerzen oder funktio­nellen Einschrän­kungen.

Die Studie unter­suchte die Entwicklung in 204 Ländern und Regionen zwischen 1990 und 2023. Ihr Ergebnis: Die durch­schnitt­liche Zeit, die Menschen in einge­schränkter Gesundheit verbringen, ist weltweit von 8,8 auf 10,7 Jahre gestiegen. Die Lebens­er­wartung hat sich somit schneller erhöht als die gesunde Lebens­er­wartung.

Was ist die Morbi­di­täts­spanne?

Die Forschenden sprechen von der sogenannten Morbi­di­täts­spanne oder dem „Morbidity Gap“. Gemeint ist die Differenz zwischen der gesamten Lebens­er­wartung und der gesunden Lebens­er­wartung. Ein verein­fachtes Beispiel: Ein Mensch erreicht ein Alter von 82 Jahren, lebt aber statis­tisch nur 70 dieser Jahre ohne wesent­liche gesund­heit­liche Einschrän­kungen. Die Morbi­di­täts­spanne beträgt dann zwölf Jahre.

Dabei bedeutet „in schlechter Gesundheit“ nicht zwangs­läufig, dass jemand schwer krank oder pflege­be­dürftig ist. Auch chronische Rücken­schmerzen, depressive Beschwerden, Hörverlust, Stoff­wech­sel­er­kran­kungen oder Einschrän­kungen der Beweg­lichkeit können die Lebens­qua­lität und Selbst­stän­digkeit über Jahre beein­träch­tigen.

Weltweit mehr als ein Jahrzehnt mit gesund­heit­lichen Einschrän­kungen

Im Jahr 2023 verbrachten Menschen weltweit durch­schnittlich rund 10,7 Jahre ihres Lebens in einge­schränkter Gesundheit. Das entsprach etwa 14,5 Prozent ihrer gesamten Lebenszeit. Im Jahr 1990 waren es noch 13,6 Prozent. Besonders bemer­kenswert: In 203 von 204 unter­suchten Ländern und Regionen nahm die absolute Morbi­di­täts­spanne zu. Es handelt sich damit nicht um ein Problem einzelner Gesund­heits­systeme, sondern um eine nahezu globale Entwicklung.

Auch in Deutschland zeigt sich dieser Trend. Hier stieg die geschätzte Morbi­di­täts­spanne von 10,1 Jahren im Jahr 1990 auf 11,9 Jahre im Jahr 2023. Das entspricht einer Zunahme von rund 18 Prozent.

Menschen leben heute also länger als frühere Genera­tionen. Gleich­zeitig verbringen sie aber häufig auch mehr Jahre mit Beschwerden oder chroni­schen Erkran­kungen.

Krankheit beginnt nicht erst in den letzten Lebens­jahren

Naheliegend wäre die Annahme, dass sich gesund­heit­liche Einschrän­kungen lediglich auf die letzten Jahre vor dem Tod verschieben. Die Studie kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Die Morbi­di­täts­spanne hat sich über weite Teile des Erwach­se­nen­lebens vergrößert.

Chronische Beschwerden beginnen damit nicht zwingend erst im hohen Alter. Stoff­wech­sel­stö­rungen, Rücken­schmerzen, Erschöpfung, depressive Symptome oder der Verlust von Muskel­kraft können sich bereits in der Lebens­mitte entwi­ckeln und über viele Jahre bestehen bleiben.

Gerade deshalb sollte Prävention nicht erst mit 70 beginnen. Viele Verän­de­rungen entstehen schlei­chend. Erhöhter Blutdruck, eine begin­nende Insulin­re­sistenz oder der konti­nu­ier­liche Verlust von Muskel­masse verur­sachen zunächst häufig keine eindeu­tigen Symptome. Trotzdem können sie die spätere Gesundheit und Funkti­ons­fä­higkeit erheblich beein­flussen.

Welche Erkran­kungen kosten besonders viele gesunde Jahre?

Nicht nur lebens­be­droh­liche Erkran­kungen bestimmen, wie gesund wir altern. Einen großen Anteil an den Jahren mit gesund­heit­lichen Einschrän­kungen haben Erkran­kungen, die häufig nicht unmit­telbar tödlich sind, aber lange bestehen bleiben. Nach der aktuellen Analyse gehören weltweit insbe­sondere folgende Bereiche zu den wichtigsten Ursachen:

  • Erkran­kungen des Bewegungs­ap­pa­rates, vor allem chronische Rücken­schmerzen
  • psychische Erkran­kungen wie Depres­sionen und Angst­stö­rungen
  • Erkran­kungen der Sinnes­organe, insbe­sondere alters­be­dingter Hörverlust
  • unbeab­sich­tigte Verlet­zungen, beispiels­weise durch Stürze
  • weitere chronische, nicht übertragbare Erkran­kungen

Gemeinsam waren diese Erkran­kungs­gruppen im Jahr 2023 für mehr als die Hälfte der weltweit in einge­schränkter Gesundheit verbrachten Jahre verant­wortlich.

Das verändert auch den Blick auf gesundes Altern. Es reicht nicht, ausschließlich klassische Todes­ur­sachen wie Herzin­farkt, Schlag­anfall oder Krebs zu betrachten. Ebenso wichtig sind Beweg­lichkeit, psychische Stabi­lität, Muskel­kraft, Sinnes­funk­tionen und die Fähigkeit, den Alltag selbst­ständig zu bewäl­tigen.

Welche Risiko­fak­toren spielen eine Rolle?

Als wichtige beein­flussbare Risiko­fak­toren identi­fi­zierte die Studie unter anderem einen erhöhten Nüchtern­blut­zucker und einen erhöhten Body-Mass-Index. Je nach Region spielten außerdem Tabak­konsum und Ernäh­rungs­fak­toren eine relevante Rolle.

Das bedeutet nicht, dass sich jede Erkrankung durch einen gesunden Lebensstil verhindern lässt. Alterungs­pro­zesse werden auch durch genetische Voraus­set­zungen, Vorer­kran­kungen, Umwelt­fak­toren und soziale Bedin­gungen beein­flusst. Trotzdem gibt es Bereiche, die sich gezielt beobachten und häufig positiv beein­flussen lassen:

  • Stoff­wechsel: Erhöhte Gluko­se­werte und eine Insulin­re­sistenz können sich lange vor einem manifesten Diabetes entwi­ckeln.
  • Körper­zu­sam­men­setzung: Nicht nur das Körper­ge­wicht zählt. Auch das Verhältnis von Muskel­masse zu Fettmasse ist für Stoff­wechsel, Mobilität und langfristige Belast­barkeit relevant.
  • Bewegung und Muskel­kraft: Regel­mä­ßiges Kraft- und Ausdau­er­training hilft dabei, körper­liche Reserven zu erhalten und dem alters­be­dingten Funkti­ons­verlust entge­gen­zu­wirken.
  • Mentale Gesundheit: Chroni­scher Stress, depressive Beschwerden und dauer­hafte Überlastung sollten nicht als reine Befind­lich­keits­stö­rungen abgetan werden.
  • Hör- und Sehfä­higkeit: Einschrän­kungen der Sinnes­organe können soziale Isolation, Unsicherheit und den Verlust von Selbst­stän­digkeit fördern.
  • Sturz­prä­vention: Kraft, Gleich­ge­wicht und Koordi­nation werden mit zuneh­mendem Alter zu wichtigen Gesund­heits­fak­toren.

Der ganzheit­liche Longevity-Blick

Das Ziel von Longevity ist nicht einfach, möglichst alt zu werden. Entscheidend ist, wie viele unserer Jahre wir körperlich leistungs­fähig, geistig klar und möglichst unabhängig verbringen. Hierzu ist ein ganzheit­licher Blick erfor­derlich, der weit über Labor­werte hinausgeht, denn ein einzelner Laborwert sagt meist wenig über die langfristige Gesundheit aus. Erst die gemeinsame Betrachtung verschie­dener Bereiche ergibt ein aussa­ge­kräf­ti­geres Bild. Dazu gehören beispiels­weise:

  • Blutdruck und Gefäß­risiko
  • Blutzu­cker­re­gu­lation und Insulin­sen­si­ti­vität
  • Blutfette und weitere kardio­vas­kuläre Marker
  • Körper­zu­sam­men­setzung und Muskel­masse
  • körper­liche Leistungs­fä­higkeit
  • Schlaf und Regene­ration
  • Entzün­dungs­marker
  • hormonelle Verän­de­rungen
  • psychische und alltäg­liche Belas­tungen

Longevity sollte dabei weder Angst erzeugen noch eine Jagd nach vermeintlich perfekten Werten auslösen. Ihr Ziel besteht vielmehr darin, relevante Risiken frühzeitig zu erkennen, Entwick­lungen über die Zeit zu beobachten und Maßnahmen indivi­duell zu priori­sieren.

Gesund­heits­spanne lässt sich nicht kurzfristig optimieren

Die Vorstellung, gesundes Altern ließe sich durch ein einzelnes Nahrungs­er­gän­zungs­mittel, eine Infusion oder eine kurzfristige Inter­vention erreichen, greift zu kurz. Die Gesund­heits­spanne entsteht über Jahre und Jahrzehnte. Sie wird durch viele kleine Entschei­dungen geprägt: Bewegung, Ernährung, Schlaf, Stress­re­gu­lation, soziale Bezie­hungen und die recht­zeitige Behandlung medizi­ni­scher Risiko­fak­toren. Dabei geht es nicht um Perfektion. Auch moderate, dauerhaft umsetzbare Verän­de­rungen können wertvoller sein als extreme Programme, die nach wenigen Wochen wieder aufge­geben werden.

Longevity bedeutet deshalb vor allem, die eigene funktio­nelle Reserve möglichst lange zu erhalten. Können wir Treppen steigen, ohne schnell zu erschöpfen? Bleiben wir kräftig, beweglich und geistig belastbar? Erholen wir uns ausrei­chend? Und erkennen wir gesund­heit­liche Verän­de­rungen, bevor deutliche Beschwerden entstehen?

Die zentrale Frage lautet nicht nur: Wie alt werde ich?

Die aktuelle Studie macht deutlich, dass eine steigende Lebens­er­wartung allein kein ausrei­chender Maßstab für medizi­ni­schen Fortschritt ist. Entscheidend ist, ob es gelingt, auch die Zahl der gesunden Lebens­jahre zu erhöhen. Das eigent­liche Ziel lautet daher nicht nur, dem Leben Jahre hinzu­zu­fügen. Es geht darum, den zusätz­lichen Jahren möglichst viel Gesundheit, Selbst­stän­digkeit und Lebens­qua­lität zu geben.

Bei VIVIDA Lab betrachten wir Longevity deshalb nicht als kurzfris­tigen Trend und auch nicht als Versprechen ewiger Jugend. Unser Ansatz verbindet inter­nis­tische Diagnostik, individuelle Risiko­be­wertung und realis­tisch umsetzbare Prävention. Denn gesundes Altern beginnt nicht erst dann, wenn eine Krankheit diagnos­ti­ziert wird – sondern viele Jahre zuvor.

Grundlage dieses Artikels ist die Studie „Global, regional, and national trends in the morbidity gap and contri­buting diseases, injuries, and risk factors, 1990–2023“, veröf­fent­licht 2026 in The Lancet Public Health. Die Ergeb­nisse beschreiben Entwick­lungen auf Bevöl­ke­rungs­ebene und erlauben keine individuelle gesund­heit­liche Prognose.